Alternativer Lesungstext
Hallo ihr Lieben,
ihr kennt doch wahrscheinlich den Lesungstext "Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen reden würde und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönend Erz [...]. Glaube, Hoffnung, Liebe - die Liebe aber ist die Größte unter ihnen.".
Wir hatten heute Semesterabschlussgottesdienst und die Pastorin hat eine überarbeitete Form dieses Textes gelesen. Ich fands so schön, dass ich ihn Euch mal zeigen wollte:
Wenn ich das Schweigen brechen könnte und mit Menschen- und Engelszungen reden und hätte der Liebe nicht, so würde ich leeres Stroh dreschen und viel Lärm um nichts machen.
Und wenn ich wüsste, was auf uns zukommt, könnte alle Situationen durchspielen und hätte jeden Winkel meines Lebens im Griff, und ließe mich nicht einfangen vom Schwerefeld der Liebe, so schösse ich über das Ziel hinaus und alle meine Kenntnisse und Fähigkeiten nützten mir nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, dass meine linke Hand nicht wüsste, was die rechte tut und würde sogar selbst mein Leben riskieren, und erklärte mich nicht solidarisch mit der Liebe zu den Menschen, so hätte ich im Ernstfall Steine statt Brot und Essigschwämme für die Menschen - ein bitterer und harter Beigeschmack.
In den Augen der Welt ist die Liebe lächerlich. Sie reitet auf einem Esel über ausgebreitete Kleider. Man lässt sie hochleben, aber dann, wenn sie unbequem wird, wird sie mit Dornen gekrönt und man macht kurzen Prozess.
Die Liebe, sie stellt sich nicht ungebärdig, sondern quer zur Routine der Machthaber. Sie ballt nicht die Faust, dreht sich nicht um sich selbst, hilft sich nicht selbst, um die eigene Haut zu retten. Sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit. Sie ergreift Partei für die Ausgebeuteten.
Daher ist es lebensgefährlich, sich mit ihr einzulassen. Sie könnte nämlich Bewusstsein bilden und den Lauf der Dinge durchkreuzen. Also meiden wir sie lieber, gehen höchstens auf Tuchfühlung mit dem ungenähten Rock, den sie umgibt und um den die Soldaten würfelten, dort unter dem Kreuz.
Mir ist plötzlich klar, was ich auch in meinem Leben zuwege bringe, was ich auch an Gutsein aus eigener Kraft erreichen kann: Die Liebe - sie ist nicht von mir produzierbar. Sie ist ein Skandal, geboren in Armut, in Beweisnot geraten, verurteilt, gestorben und begraben - und wieder auferstanden. Denn die Macht der Liebe hört nicht auf.
Wir sind noch im Werden, auf dem Weg. Aber wir sind schon von Gott erkannt, gesehen von den Augen seiner Liebe, geborgen in seiner Barmherzigkeit. Selbst im bruchstückhaften Erkennen dieser Liebe können wir über uns hinauswachsen, uns selbst erkennen als Menschen in Beziehung zu Gott, seinem Mitmenschen und sich selbst.
Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe ist das schwächste Glied in der Kette. Die Stelle, an der der Teufelskreis von Hass und Gewalt durchbricht. (nach Eva Zeller)
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Leben ist aussuchen. Und man suche sich das aus, was einem erreichbar und adäquat ist, und an allem anderen gehe man vorüber.
- Kurt Tucholsky -
Geändert von Mephista (21.02.2010 um 01:05 Uhr)
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